Die Situation richtig erfassen

Paul.Bayer am 22. January 2008 um 16:40
Die OODA-Schleife
Die OODA-Schleife von John Boyd

Korrekte Orientierung ist die Basis für wirksames Handeln und für richtige Entscheidungen. Orientierung entsteht aus Beobachtung. Deswegen ist Genchi-Genbutsu: selbst vor Ort gehen und beobachten Grundlage der schlanken Produktion.

„Gemba-Management“ bedeutet:

  • Gemba: gehe vor Ort und schaue,
  • Genbutsu: erfasse die Objekte und Operationen vor Ort,
  • Genjitsu: erfasse die Realität, die wirklichen Verhältnisse.

Diese Grundhaltung des Lean-Managements wird bei Toyota als San-Gen-Shugi, als die „Haltung der drei Gen“ (3Gen) bezeichnet.

Situationsverständnis und PDCA

Die 3Gen-Haltung ist das Zentrum des PDCA-Zyklus. Ohne Verständnis der Situation werden sich in Analysen und Planungen (= PLAN), Tests und Experimenten (= DO), Überprüfungen und Einschätzungen (= CHECK), Umsetzungen und Standards (= ACT) jede Menge Fehler und Hindernisse einschleichen. Ohne Verständnis der Situation ist der PDCA-Zyklus sinnlos. Menschen und Organisationen ohne 3Gen-Haltung können und werden PDCA nicht verstehen und anwenden.

Daten und Fakten

Taiichi Ohno, einer der Väter des Toyota Produktionssystems sagte oft: „Natürlich sind in der Fertigung Daten wichtig, aber ich gebe den Fakten die grösste Bedeutung.“

Taiichi Ohno

„Es gibt so viele Dinge auf dieser Welt, die wir nicht wissen können, solange bis wir etwas probieren. Sehr oft finden wir dabei, dass die Ergebnisse das Gegenteil von dem sind, was wir erwarteten und das liegt daran, weil Irrtümer ein Teil von dem sind, was das menschliche Leben ausmacht. …

Gehe hin und sehe mit deinen eigenen Augen und du wirst verstehen, was ausprobiert wurde und welche Umstände du in deinen Berechnungen nicht berücksichtigt hast.“ [1]

Fakten sind durch Beobachtung und durch Versuche bestätigt. Daten müssen interpretiert werden. Über die Interpretation von Fakten gibt es keinen Zweifel. Fakten sind eine höhere Stufe des Wissens als Daten. Aktionen und Entscheidungen, die auf Fakten basieren sind deshalb wirksamer als solche, die auf Daten und ihrer Interpretation aufbauen.

In den meisten Fällen können die Fakten durch direktes Beobachten vor Ort gewonnen werden. Manche Probleme und Prozesse, zum Beispiel solche, bei denen Variation im Spiel ist, sind manchmal nicht direkt beobachtbar und erfordern besondere Methoden, um die Fakten sichtbar zu machen.

Ackoffs Wissenshierarchie

Der Unterschied von Daten und Fakten und die Notwendigkeit, durch Beobachtung und Experiment die Fakten zu verstehen, lässt sich am besten anhand von Russell Ackoffs Wissenshierarchie (oder -pyramide) erklären. Ackoff spricht von WUKID: Wisdom, Understanding, Knowledge, Information und Data [2]:

Klugheit Klugheit ist der Prozess, bei dem wir zwischen richtig und falsch, gut und schlecht unterscheiden. Klugheit baut auf Verständnis auf und erfordert Herz und Verstand.
Verständnis Verständnis führt zu nützlichen Handlungen weil es neues Wissen verarbeitet und mit bestehendem Wissen verknüpft. Verständnis baut auf der verfügbaren Information und dem vorhandenen Wissen und Verständnis auf.
Wissen Wissen ist die geeignete Sammlung von Information, so dass sie nützlich sind. Wissen ist an sich noch nicht mit anderem Wissen verknüpft und führt noch nicht zu weiterem Wissen.
Information Informationen sind Daten, die durch Verknüpfung Bedeutung erhalten haben. Die Bedeutung kann nützlich sein oder nicht.
Daten Daten sind Rohmaterial, existieren einfach und haben darüber hinaus keine Bedeutung. Sie können in unterschiedlichen Formen existieren, nützlich sein oder nicht.

Fakten entsprechen in Ackoffs Wissenshierarchie dem Verständnis. Handlungen und Entscheidungen, die nur auf Informationen und fremdem Wissen aufbauen basieren nicht auf wirklichem und eigenem Verständnis und sind deshalb gefährlich. Deming bezeichnete Entscheidungen und Aktionen ohne Wissen und Verständnis als „Tampering“, Herumpfuschen.

Die 3Gen-Haltung im Lean-Management oder Datenerhebung und -analyse in Six-Sigma (DMAIC) oder der TOC-Denkprozess [3] arbeiten dagegen die Fakten heraus und stellen dadurch Handlungen und Entscheidungen von vornherein auf eine solidere Grundlage.

[1]
Taiichi Ohno, Workplace Management.– Gemba Press 2007; S. 5 und 12
[2]
Russell L. Ackoff, From Data to Wisdom.– Journal of Applied Systems Analysis 16, 1989 S. 3-9. Vgl. dazu auch Knowledge versus Information auf dem Weblog von Skip Walter: Extreme Productivity by Design
[3]
Für die meisten Probleme schafft die 3Gen-Haltung eine gute Grundlage. Die Beobachtungen müssen manchmal durch logische und statistische Analysen (7 Qualitätswerkzeuge, 7 Managementwerkzeuge) ergänzt werden. Six Sigma bietet für Probleme mit Variation eine ausführlichere Vorgehensweise (DMAIC). Der TOC-Denkprozess eignet sich für organisatorische Probleme mit vielen Wechselwirkungen und Einflussfaktoren.

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2 Kommentare zu “Die Situation richtig erfassen”

  1. shomu

    hi
    danke für die gut übersetzte & zusammengefasste wissenshierarchie von ackoffs.
    nur eine frage: kann mir jemand den name des autors geben???

  2. shomu

    ich hab da wohl was übersehen ;)
    Paul Bayer am 22. January 2008 um 16:40

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